Leeres Geld, leere Worte

Wenn hinter dem Geld keine Werte mehr stehen, wenn hinter den Worten keine Inhalte mehr sind, brechen diese Fassaden, bricht diese Wirtschaft zusammen. Der Klassiker „Wieselwort“ ist aktiver und aktueller denn je. Aber da Pessimismus Kraftlosigkeit bedeutet, versuchen wir es mit Optimismus. Wie erfahren Sie hier.

Im sehr lesenswerten www-Journal „First Monday“ widmet sich Carolyne Lee dem Thema „Wordlings in a Web 2.0 world“. Wordlinge sind wir alle:
„Being bodies that learn language
thereby becoming wordlings
humans are
the symbol–making, symbol–using, symbol–misusing animal…“
Es gibt zwei Wege in denen wir dieses erlernte System nutzen – den Weg des Schreibens und den Weg des Lesens. „Pictures rule: but words define, explain, express, direct, hold together our thoughts and what we know. They lead us into new ideas and back to older ones. In the beginning was the Word.“

Und welche Worte nutzen wir? Wieselworte oder word bytes?

Wieselworte saugen die Bedeutung aus den Sätzen, wie Wiesel Eier aussaugen - nur die leere Schale bleibt, scheinbar intakt, zurück. „While English spreads across the globe, the language itself is shrinking. Vast numbers of new words enter it every year, but our children’s and leader’s vocabularies are getting smaller.“ Das Resultat ist eine verarmte Sprache, eine Management-Sprache. Damit wird es – vermutlich nicht ohne Grund – schwer, noch eine Bedeutung in diesen Worten und Texten zu erkennen. Aber „why has managerial language proliferated? Earlier, I quoted Watson as saying this type of language has virtually taken the place of the machine and the assembly line — important elements of the industrial age.“ Informationen lösten quasi in vielen Bereichen direkt oder indirekt körperliche Arbeit ab, das ökonomische System ist „financialized“. „Such a ‘hollow’ economy would need its own type of language to try and justify its existence — weasel language.“ Irgendwann sind nur noch die Eischalen übrig und ein Windhauch genügt, sie zusammenbrechen zu lassen…

Oft spielen wir dieses Spiel mit, nutzen Wieselworte gezwungenermaßen, wenn wir mit Wieselwort-Sprechern/-Schreibern kommunizieren. Und trotzdem - wir können mit word bytes ehrliche, aktive Wortgebäude bauen. Lee leitet Word bytes von sound byte her: „short pithy phrase or attention–grabbing sentence that will stay in people’s minds, competing successfully against the million–and–one other pieces of information now bombarding us during most of our waking lives.“ Word bytes kreieren, bedeutet nicht nur die Sprache mit Sorgfalt und Leidenschaft zu verwenden, sondern sichert auch Aufmerksamkeit. Denn, abhängig davon in welcher physikalischen Situation unsere Worte gelesen werden, müssen sie unter Umständen mit vielen und vervielfachenden Medien kämpfen. Vielleicht läuft ja gerade Ihr Radio, wenn Sie diese Zeilen lesen. Word bytes ringen um die Aufmerksamkeit der LeserInnen, haben etwas weiterzugeben, das hängenbleiben soll. Wenn Sie Ihr Fachwissen transferieren wollen, meiden Sie die Falle der Wieselworte. Leider haben es Wieselworte auch unter anderem deshalb leicht in Texte zu gelangen, weil wir Texte oft jeglicher Emotion, jeglicher Identität berauben, prophylaktisch, so macht man das ja in der Firma. Immer möglichst nüchtern, leider damit auch leer – wahrsten Sinne des Wieselwortes.

Lee: „I have termed such words and phrases, that hit their targets, ‘word bytes’, not because I want such words to conform to the information society, but because I want language — stylish, sharp, carefully–constructed — to do battle with the ‘decayed’ language usually dashed–off in this speeded up world (Hassan, 2003), to take it on even on its own terms, and to win.“ „The quality of our world is shaped by the quality of the words around us, including every word we write, type, or speak.“

In meinem nächsten Post gebe ich Tipps für word bytes.

Quelle:
Wordlings in a Web 2.0 world“ von Carolyne Lee in „First Monday“ Volume 14, Number 2, 2 February 2009

Mehr Wiesel-Metapher: „Die Achse der Wiesel“ von Christian Esch in der „Berliner Zeitung (05.02.2003), „Die Gerechtigkeit ist ein Wiesel“ von Walter Schmitt Glaeser in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (29.07.2007).

Foto: Von safi aus SXC

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