Ich bin eine Frau!

Lautes Denken ist ein Weg, Webseiten auf ihre Usability zu prüfen. Testpersonen bekommen dafür eine Reihe von Aufgaben, die sie auf den Webseiten bewältigen müssen. Während sie das tun, sollen sie laut denken. So lässt sich erkennen, was sie zum Beispiel hindert schnell zum Ziel zu gelangen. Ich habe das ausprobiert, bevor ich eine Suche in einem Intranet in Betrieb genommen habe. Wir hatten versucht, viele Wünsche bei der Gestaltung der Suche aufzugreifen und eine einfache und sinnvolle Suche herzustellen. Doch diese Tests waren überraschende Augenöffner. Selbst wenn man sich verschiedene Nutzer vorstellt und verschiedene Nutzungsfälle, lässt sich mit Tests immer noch viel lernen und verbessern.

Jane Holst-Larkin, Dozentin in Neuseeland, probierte das mit ihren Studenten in einer business writing class aus – an Texten. In ihrem Artikel „Actively Learning About Readers: Audience Modelling in Business Writing” berichtet sie davon. Schon das „normale“ Feedback von Kommilitonen auf die Texte ihrer Kommilitonen bringt viele Perspektiven und hilft den Empfängern und den Feedbackgebern ihre Texte schrittweise zu verbessern. Doch oft bezieht sich dieses Feedback eher auf Grammatik u.ä. Deshalb beschloss die Autorin ein qualitatives Mehr an Feedback zu provozieren. Sie griff dafür auf eine bereits existierende Methode zurück, „in which a document designer tries out a document on a member of the intended audience before finally publishing it. The „first reader“ speaks thoughts aloud while trying to understand the document in question.“ Holst-Larkin passte diese Methode für ihre Zwecke an. Die Studenten schrieben Geschäfts-Briefe, die schlechte Nachrichten überbringen. Gewünscht war zuerst, das „editing and/or proofreading feedback“, danach sollten die lesenden Studenten in die Rolle des Briefempfängers schlüpfen und auch in dieser Rolle Feedback geben. Aus einem der entstanden Beispiele stammt meine Überschrift. Denn der Brief beginnt mit „Dear Sir“. „Student role-playing the recipient commented: I’m a woman!“ Die Studenten lernten im Laufe dieser Übungen, ihre Texte auf verschieden Arten kritisch zu lesen. Einmal als Editor und einmal als Empfänger/Leser.

Oft lohnt es sich, Texte sogar 3x zu lesen. Zuerst auf Rechtschreibung und Grammatik. Dann darauf, ob potentielle Leser sie verstehen können. Und das dritte Mal zur Erhöhung der Lesefreundlichkeit: z.B. ob aktive Verben enthalten sind, keine zu langen Sätze entstanden sind, etc. Bei wichtigen Texten lohnt es sich außerdem immer, Kollegen um Gegenlesen und Kommentare zu bitten. Das erfordert erst einmal Mut – zu fragen und sich das Feedback anzuhören. Je öfter man das jedoch macht, um so weniger extra Mut braucht man und um so mehr hilfreiches Feedback bekommt man, bevor man sein Wissen – seine Texte - in’s Leben entlässt.

Quelle:
„Actively Learning About Readers: Audience Modelling in Business Writing” von Jane Holst-Larkin in: Business Communication Quarterly, March 2008; Seiten 75 - 80

Foto: Von wagg66 auf SXC

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